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Ich
war in Eile. Wieder mal. Da nimmt man sich vor, genügend Zeit zu
haben, plant alles im Voraus. Und dann wird's doch wieder
knapp... Worum es geht? Ich sollte den Nikolaus spielen, bei
einer Veranstaltung von jungen Künstlern. Nein, nicht so, wie
Sie jetzt denken mögen – mit Bart, Mitra oder gar rotem „Sancta-Claus“-Mantel.
Einfach eine Lesung mit nachdenklichen Texten, „gerne auch
religiös“, sollte ich halten an diesem 6. Dezember. Da junge
Künstler schon länger zur Zielgruppe unserer Nürnberger
Klara-Kirche gehörten, hatte ich zugesagt.
Tja, und nun rannte mir mal wider die
Zeit davon. Ich hetzte also zur Straßenbahn, erblickte sie an
der Haltestelle, legte noch 'nen Zahn zu und sah sie bereits von
dannen rollen. Was bedeutet hätte: Ich komme locker 30 Minuten
zu spät. Peinlich, und alles andere als werbewirksam. Zugegeben:
Mir passiert das öfters. Und fast jedesmal war mein
Schluss-Spurt vergebens, die Straßenbahn also auf- und davon.
Doch diesmal kam es anders: Rettung
nahte. Sie nahte in Form eines jungen Burschen, dessen Gesicht
vor lauter Piercings kaum zu erkennen war. Seine abgewetzten
Lederklamotten machten ihn nicht attraktiver. Er stieg eben aus
dieser Straßenbahn. Sein reflexartiger Tritt aufs Fußbrett
öffnete noch einmal die Schiebetür und blockierte damit die
Abfahrt – gerade rechtzeitig für mich. Wortlos verschwand er,
noch ehe ich was sagen kann.
„Hätte ich dem gar nicht zugetraut“,
dachte ich für einen Augenblick und bekam ein verdammt
schlechtes Gewissen: Wie schnell unterschätzen wir Menschen, die
so gar nicht in unsere Vorstellungswelt passen? Ihm hatte ich es
zu verdanken, dass ich doch noch rechtzeitg ankam.
Eine kleine Geschicht, klar. Aber groß
genug, um mich daran zu erinnern, ein wenig mehr auf jene zu
achten, die man gewöhnlich für zu klein zu hält, um bedeutend zu
sein – was ja eigentlich ein äußerst adventlicher Gedanke ist,
oder?
Jürgen Kaufmann |