„Sie dürfen gleich mit mir kommen!“, sagt die freundliche Arzthelferin in der neurologischen Praxis, wo ich meine Nervenströme in der Hand messen lassen muss. Weil ich weiß, dass das unangenehm wird, sage ich mit einem verunglückten Lächeln: „Eigentlich will ich gar nicht mitkommen, das tut weh.“ Sie dreht sich um und sagt ganz ernsthaft: „Sie müssen nicht mitkommen. Sie können auch wieder gehen, wenn Sie das nicht wollen.“ Hat sie meinen Scherz missverstanden? Hat sie sich über mich geärgert? Nein, sie ist ganz freundlich und sachlich geblieben.
Natürlich bin ich mitgegangen, denn ich brauchte ja das Ergebnis und außerdem hatte ich lange auf den Termin gewartet. Die Fahrt zu dieser Praxis dauert eine Stunde, mein Mann hatte sich extra freigenommen, um mich netterweise zu begleiten, ich selbst hatte mir einen freien Tag genommen, wir hatten uns ein Auto geliehen. Das wäre jetzt eine schlechte Idee, wegen der paar unangenehmen Momente alles abzublasen! Trotzdem habe ich ein inneres Bild im Kopf: Wie ich einfach so die Praxis verlasse, mir das unangenehme Procedere schenke und nach draußen gehe, wo Licht und Luft ist und die Herbstsonne scheint. Einfach weggehen, bevor mir jemand Stromschläge durch meine Hand leitet.
Ich weiß, es gibt Leute, die verlassen voller Panik den Zahnarztstuhl, aber ich bin nicht so. Ich ziehe es durch. Es wäre ja auch völlig sinnlos gewesen. Doch der Gedanke lässt mich nicht los:
Ich wäre frei gewesen, zu gehen. Was aber ist Freiheit? Sich lieber für die Vernunft zu entscheiden und diszipliniert Angst und Schmerz aushalten, weil man einsieht, dass es richtig ist? Oder wäre es nicht viel freier, einfach seinem Gefühl zu folgen, abzuhauen, etwas komplett Unlogisches zu machen, weil man es jetzt gerade so fühlt?
Ich bin froh, dass ich geblieben bin. Es war zwar unangenehm, aber auch sehr schnell vorbei. Aber ich möchte den Gedanken nicht ganz aufgeben, dass es immer möglich ist, „Nein“ zu sagen.
Maria hat „Ja“ gesagt, so „feiern“ wir das im Advent immer und bezeichnen es als „Demut“. Aber vielleicht war in ihrem Fall das „Ja“ genau das Unlogische, genau das Verrückte gewesen. Eine Entscheidung, die sie getroffen hat, weil sie es so „gefühlt“ hat-gegen alle Vernunft?
Der Satz: „Sie MÜSSEN nicht mitgehen!“, wird mich noch eine Zeit lang begleiten.
Eva Meder-Thünemann, Gemeindereferentin in der Citypastoral in Aschaffenburg
Bistum Würzburg

